Found Footage Film, Viper 1992, CH-Luzern

Zwischen Film und Vergänglichkeit

Den ersten Kontakt mit Found Footage hatte ich 1984 beim Film Stadt in Flammen. Damals arbeitete ich noch in der Gruppe 'Schmelzdahin' und wir sammelten aus Neugier und filmischem Interesse alles, was es an Super-8 gab. Angefangen von Opas Lebenswerk über Pornos/ Action bis hin zu Film-Klassikern war alles erhältlich. Zudem war es billiger als unbelichtetes Filmmaterial. Stadt in Flammen habe ich nur einmal angeschaut - der Film war absoluter Schrott. Zu dieser Zeit untersuchten wir bakterielle- und Verwitterungsprozesse am Filmmaterial. Also warf ich die Kopie, nachdem ich sie durch die Nähmaschine gejagt hatte, an eine feuchte Stelle meines Gartens. Nach einem halben Jahr, als ich den Film schon vergessen hatte, fand ich ihn zufällig wieder. Die einzelnen Farbschichten waren von Bakterien zerfressen und aufgeplatzt. Dabei hatten sich die Farben vermischt, was mir sehr gut gefiel. Also traf ich eine Auswahl des Materials und machte davon eine Kopie auf dem optischen Printer. Dabei war die Lampe des Projektors so heiss, dass die einzelnen Filmbilder wegbrannten. Also machte ich von jedem Bild vier Kopien, die alle unterschiedlich waren. In der Kopie sieht das so aus, als ob der Film pulsiert.

1985 warf ich eine Filmkopie in meinen Gartenteich, ich glaube es war Ali Baba und die 40 Räuber. Etwa ein Jahr später wurde geerntet. Dieser Vorgang ist in Aus den Algen dokumentiert. Anschliessend sieht man das geerntete Material, bei dem nur noch der Bildträger von der ursprünglichen Kopie übriggeblieben ist. Auf dem Träger haben sich Algenkulturen angesiedelt, die nun zum Bildinhalt werden.

Diesen Ideen liegt zugrunde, dass Film niemals fixierbar ist, sondern sich im Laufe der Zeit stets im Fliessen und somit in Veränderung befindet. Bei der Film-Aktion Wir lagern uns ums Feuer wird dies praktisch dargestellt. Eine Filmschleife wird während der Projektion chemisch bearbeitet und nach und nach zersetzt. Als Bildmaterial haben wir dabei Horden von gesammelten Super-8 Kopien verheizt, hauptsächlich Actionfilme, Heimatschinken und Film-Klassiker. Die anfänglich 'realen' Bilder lösen sich bei der Aktion zunehmend auf, während die Gelatineschicht mit den eingebetteten Chemikalien mehr und mehr zerfällt. Am Ende bleibt nur noch der 'Tanz der Elemente'. Dabei wird auf die Konservierbarkeit von Film vollends verzichtet zugunsten eines einmaligen Opferaktes. In einer Zeit, in der das Auge ständig mit sinnentleerten Bildern überfüttert wird, ist das ein notwendiger Schritt, um Film überhaupt wieder zu einem Ereignis zu machen. Eine Rückkehr zu den Wundern, die der Film in seiner Entdeckungsphase ausgelöst hat.

In meinen neueren Arbeiten, die ich seit der Trennung von Schmelzdabin 1989 gemacht habe, geht es nicht nur um die Zersetzung von Found Footage, sondern mehr um eine Veredelung. Die Bilder werden solange durch chemische Bäder gezogen, bis sie eine Qualität erreichen, die sie zur Montage brauchbar macht. Auch der Reiz der 'neuen' Bilder, der Computeranimationen, fordert heraus. In meinem neuen Film Das goldene Tor habe ich computeranimierte Bilder auf Film kopiert und anschliessend chemisch zersetzt. So lässt sich Totes wieder mit Leben füllen. Aber auch die alten Bilder sind längst noch nicht verbraucht. Durch qualitative Änderung und Montage können alte Bilder einen neuen Sinn erhalten, der mit ihrem ursprünglichen Sinn nichts mehr zu tun hat. (Jürgen Reble 1992)

Publiziert in Found Footage Film von Cecilia Hausheer und Christoph Settele, Zyklop Verlag, CH 1992

Between Film and Transitoriness

I came into contact with found footage in 1984 through the film Stadt in Flammen. At the time I was working with the Schmelzdahin group. Out of curiosity and cinematic interest we collected all sorts of super8-films. From grandfather's home movies to adult movies and action movies to classics you could literally get everything. Furthermore these movies were even less expensive than unexposed film material. I saw Stadt in Flammen only once - in fact it was complete junk. At that time we analyzed bacterial processes and the process of weathering on film material. So I dumped the copy in a damp corner of my garden after having treated it on the sewing machine. Half a year later, when I already had forgotten about the film, I found it again by chance. The colour layers had burst open and had been eaten away by bacteria so that the colours had mixed which I liked a lot. I made a selection of the material and copied it on the optical printer. But the projector's lamp happened to be so hot that some of the frames got burnt. So I made four copies of each frame. None of them were alike. On the copy it looks as if the film was pulsating.

In 1985 I threw a film copy into my garden pond, I think it was Ali Baba und die 40 Räuber. About a year later I 'harvested'. This process is documented in Aus den Algen .The only thing that was left from the original copy was the celluloid. Algae had spread on the bias so now they had become the main subject of the film.

The basic idea is that it is impossible to fix film. Film is something which is always in a state of flux which again submits it to changes in time. The film happening Wir lagem uns ums Feuer is a practical demonstration of this phenomenon. During projection a film loop is treated with chemicals, so after a little while it gradually decomposes. We used up a whole bunch of super8 copies, mainly action movies, folkloristic movies and film classics. The images, which were 'real' in the beginning, gradually disintegrate and the gelatine layer, where the chemicals are embedded, dissolves. All that's left in the end is the 'raging of the elements'.

The conservation of films is rejected altogether in favour of a single act of sacrifice. There is an essential need to bring back film to being an event in a time when the eye is overwhelmed by meaningless images. It is a bit like returning to the excitement which film aroused in its initial stage. My recent work, which I have done since I left Schmelzdahin is not only about the disintegration of found footage but rather about the refinement of it. I treat images with chemicals until they acquire a quality that makes them fit for editing. Furthermore the 'new' images of computer animation are challenging. For my new film Das goldene Tor I copied computer animated images onto film and then decomposed them with chemicals. In this way you can reanimate lifeless images. But also the old images are far from being used up. Changes in quality and editing can give new meaning to old images which have nothing in common with the previous meaning. (Jürgen Reble 1992)

Published in Found Footage Film by Cecilia Hausheer and Christoph Settele, Zyklop Verlag, CH 1992

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